Wirtschaft umdenken – Wir brauchen neue Instrumente für enkeltaugliches Wirtschaften

Das Bruttoinlandsprodukt als Messlatte für unseren Wohlstand sei überholt, sagt Rutger Bregman sinngemäß in seinem Buch „Utopien für Realisten“. Es messe nur einen kleinen Ausschnitt der relevanten Arbeit unseres Landes. Viel wertvolle Arbeit für Staat und Umwelt, die unser tägliches Leben am Laufen und Funktionieren hält, die unsere Kinder zu moralisch wertvollen Geschöpfen unserer Gesellschaft ausbildet, die alte Menschen umsorgt und pflegt, die sich für das Wohl und Wehe unserer Umwelt einsetzt, bleibt unter dem Radar des BIP verborgen. Fahre ich unser Auto morgen zu Schrott und kaufe mir ein Neues, so wirkt sich das positiv auf das BIP aus. Wir brauchen neue Messinstrumente, die die wertvollen und doch nach wie vor unbezahlten Arbeiten unserer Gesellschaft berücksichtigen. Messinstrumente, die auch die Kosten im Sinne eines ökologischen Fußabdrucks einkalkulieren. Messinstrumente, die ein völlig neues Licht auf Arbeit und Produktivität werfen, die einen grundlegenden Prioritätenwandel abbilden.

Die Gemeinwohl-Ökonomie hat eine Methode geschaffen die Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft zu messen. Ihr Ziel besteht darin, dass Organisationen eine sogenannte Gemeinwohlbilanz erstellen, das heißt, dass sie, neben einer monetären Bilanz, anhand von konkreten Kriterien ihr Engagement für die Gemeinschaft messen. Betrachtet werden soziale, ökologische und ökonomische Aspekte bezogen auf die verschiedenen Stakeholder des Unternehmens. Als eines der größeren Unternehmen hat VAUDE bereits mehrmals seinen Impact für das Gemeinwohl bilanziert. Im Unterschied zur monetären Bilanz geht es weniger darum monetär besonders gut dazustehen, sondern einen Prozess zu starten, der die Unternehmenskultur nachhaltig verändert.

Im aktuellen Wirtschaftssystem ist es derzeit zum Beispiel gängige Praxis, dass ein Unternehmen, das die Optimierung seiner monetären Bilanz anstrebt, feste Stellen reduziert, um Gehälter und damit Personalkosten einzusparen. Dies geschieht häufig zum Leidwesen der verbleibenden Mitarbeiter, die die Reduzierung kompensieren müssen. Wer eine Gemeinwohlbilanz erstellt, wird versuchen, die Lebensqualität der Mitarbeiter zu erhöhen und, um beim Beispiel zu bleiben, weitere Stellen schaffen. Das Plus an Personalkosten macht sich im Gewinn des Unternehmens natürlich bemerkbar. Solange das Unternehmen gesund bleibt, spielt dies jedoch eine untergeordnete Rolle. Denn als erfolgreich gilt ein Unternehmen im Sinne der Gemeinwohlökonomie nicht, wenn es einen möglichst hohen Gewinn erzielt, sondern, wenn es möglichst viele Punkte in seiner Gemeinwohlbilanz sammelt. Eine hohe Punktzahl soll von der Politik belohnt werden, durch niedrigere Steuern und andere monetäre Vergünstigungen.

Silke Borgmann ist Trainerin, Moderatorin, Business Coach und Mutter. Sie steht für Kollektives Bewusstsein und Kollektive Kreativität in Unternehmen. www.silkeborgmann.de

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